Pilgern als Übergangsritual
Ich war fünf Jahre lang Leiter vom Haus Gutenberg in Balzers/FL und somit Gastgeber einer Pilgerherberge auf dem Schweizer Kolumbansweg. Doch in all den Jahren hat bei uns wissentlich ein einziger Pilger Einkehr gehalten. Nun wollte ich wissen, welchen Bekanntheitsgrad dieser Pilgerweg in anderen Ländern hat. Acht Tage auf dem französischen Kolumbansweg
Kraftvoller Kolumban vor Basilika von Luxeuil Ich übernachtete als dritter Gast in der neu eröffneten, freundlichen Pilgerherberge auf dem Gelände der ehemaligen Abtei, welche aktuell im Umbau zu einem Kongresszentrum ist, wo u.a. Themen der europäischen Einheit bearbeitet werden sollen. Kolumban als erster Autor der Idee einer friedvollen europäischen Union wird hier also sehr ernst genommen. In den kommenden acht Tagen folgte ich bis Dole dem Weg, den Kolumban vermutlich im Jahr 610 mit seinen irischen Mitbrüdern beschritt, nachdem er sich mit König Theuderich und dessen Grossmutter Brunichild überworfen hatte und eigentlich nach Irland zurückreisen sollte. Ich verliess Luxeuil südwärts und im Vorörtchen St. Sauveur traf ich auf den in all den Tagen einzigen Menschen, der zumindest ein paar Hundert Meter Weg mit mir teilte und erst noch den Kolumbansweg kannte. Die Frau träumt schon längere Zeit davon, ihn auch einmal mit einer Freundin zu gehen. Bei allen weiteren Begegnungen musste ich den Menschen immer wieder erzählen, was es mit diesem Weg auf sich hatte. So viel zum Bekanntheitsgrad in Frankreich. Apropos Begegnungen: Auch wenn die Gegend sehr einsam ist, lernte ich doch jeden Tag mindestens eine interessante Person kennen. Sei das ein junger Uhrmacher mit Motorrad bei einer Wallfahrtskapelle, zwei Frauen unterwegs zum Stechen von wildem Spargel, ein deutscher Auswanderer oder ein Junge beim Fischen im Doubs. Das ist einer der Vorteile, wenn ich allein pilgere, dass ich viel öfters mit Fremden spontan ins Gespräch komme. Die erste Etappe, bis Lure war vom Weg her nicht sonderlich reizvoll. Wie ich die kommenden Tage noch mehr erfahren musste, ging ich die meiste Zeit auf Teer. Etwa drei Viertel aller Wegabschnitte sind gepflastert. Und mehrere Kilometer lang begleitete mich die Autobahn zu meiner Rechten. Aber das Wichtigste beim Pilgern ist, unterwegs zu sein. Zu gehen. Nicht stehen bleiben. Wie und wo ist zweitrangig. Und Lure entpuppte sich als reizvolles Örtchen, wo ich in der Kirche St. Martin auf der Suche nach weiteren Reliquien von Kolumban und seiner Gefährten Valbert und Desle seit langem wieder mal einer französischen Messe beiwohnte. Die Übernachtungsgelegenheiten vorauszureservieren erwies sich als sinnvoll, da sie meist rar waren und schon gar nicht auf einen spontanen Kolumbanspilger warteten. So musste ich am zweiten Tag trotzdem 33 km gehen, bis ich wieder in einer Unterkunft ankam. Der Weg folgte einem ehemaligen Bahntrassee, so dass ich wenigstens zügig vorankam. Und die alte Mühle von Montferney entpuppte sich als Bijou, sogar mit geheiztem Swimmingpool. Wie sich meine strapazierten Muskeln darüber freuten!
ehemalige Eisenbahnbrücke über den Ognon Nach einem weiteren Tag erreichte ich bei Baume-les-Dames den Doubs, dem ich nun fünf Tage lang folgen konnte. Dank Navigationsapp ist die Orientierung hier sehr einfach. Die Karten auf www.viacolumbani.com sind super, die Etappen lassen sich leicht in Kartenapps importieren und die open-source-maps sind in Frankreich sehr zuverlässig, was in Italien dann nicht mehr so sein sollte. Von nun an wurde der Weg gebirgiger, mal auf Jurahügeln hoch über dem Doubs, mal in der Tiefe dem Fluss entlang. Ein Regentag verhinderte allerdings oft schöne Ausblicke und machte den letzten Abstieg nach Deluz sehr rutschig, ja schon fast gefährlich auf dem glatten Jurakalkfelsen. Als ich im menschenleeren Dorf völlig durchnässt ankam, erbarmte sich ein Gemeindearbeiter meiner und bot mir einen trockenen Raum zum Umziehen und einen heissen Kaffee an. Denn von hier aus musste ich mit dem Zug nach Besançon weiterfahren, da sich weit und breit keine Unterkunft finden liess. Am nächsten Morgen fuhr ich die Strecke wieder zurück und kam zum zweiten Mal, diesmal zu Fuss in der Regionalhauptstadt an. Bei der Chapelle des Buis kurz vor Besançon kreuzt der Kolumbansweg die Via Francigena. Und hier traf ich einen Pilger an, der sich vorbereitete, um im Sommer den Weg nach Rom unter die Füsse zu nehmen. Die schöne Stadt in einer weiten Schlaufe des Doubs verliess ich westwärts. Fast den ganzen Tag hatte ich den Fluss zu meiner Rechten. Ab und zu kam ich an Schleusen vorbei. Sie sind Teil des Canal Rhone-Rhin, der in dieser Gegend oft von Hausbooten benutzt wird. Die nächste Nacht verbrachte ich in einem hübschen B&B in Boussière, von wo aus ich dann das Ostende des zweitgrössten Waldes Frankreichs, den Forêt de Chaux durchquerte. Wieder mal eine Meditationsübung 4 km geradeaus am Rand einer Autostrasse entlang.
Doubs nach Besançon Der Zeltplatz von Ronchot bot mir in einem Fixzelt eine einfache Herberge auf einer wunderbar gelegenen Insel im Doubs. Die folgende Etappe bis Dole sollte man unbedingt exakt der Wegbeschreibung folgen. Sie scheint zwar ein Stück weit weglos dem Kanal zu folgen. Ich genoss aber auf 2 km Länge ein wunderbares Wiesenbad durch brusthohes Gras und Blumen. Die letzten Kilometer vor Dole führten dann erholsam im Schatten hoher Platanen dem Kanal entlang bis ins Herz dieser hübschen kleinen mittelalterlichen Stadt. Sie ist unübersehbar stolz auf ihren berühmtesten Bürger, Louis Pasteur, der die Medizin seiner Zeit durch die Erfindung von Impfungen revolutioniert hatte. Von hier aus war dann die Heimreise in die Schweiz einfach, da das nahe Dijon ein TGV-Bahnhof ist.
Dole am Doubs Sieben Tage auf dem italienischen Kolumbansweg
Wie schon angedeutet war hier das Kartenmaterial bedeutend weniger zuverlässig. Eingezeichnete Pfade gab es nicht mehr, andere fehlten dafür auf der Karte. Da der Weg nicht durchgehend interessant ist, erlaubten wir uns ein paar Eigenkreationen, unter Einbezug der Wettersituation (zwei Regentage). Das Bergell wollten wir aber auf keinen Fall verpassen. So liessen wir uns von der RhB und Postauto auf den Malojapass fahren und in der zweiten Tageshälfte wanderten wir bis Vicosoprano. Schon hier zeugen Radspuren im Felsen von den römischen Ursprüngen dieser Handelsroute. So kann man sich gut vorstellen, dass Kolumban diese Wege tatsächlich genutzt hat. Hat er vielleicht auch die Kapelle von San Gaudenzio besucht, wo wir bei Casaccia auf den Septimerpass stiessen? Ein sehenswertes Kleinod einer gut erhaltenen Ruine.
Ruine der Kapelle San Gaudenzio bei Casaccia Ab Promontogno setzten wir den Weg erst nach einem Regentag fort, den wir in Chiavenna genutzt hatten, um den Ort genauer kennenzulernen. San Lorenzo muss man einfach gesehen haben. Das Bergell ist ein idyllisches Tal mit Wasserfällen und Kapellen und schönen Wegen. In Castasegna trafen wir gleich nach dem Zoll zum ersten Mal auf einen grossen Kolumbanswegweiser. Durchschnittlich zwei sollten uns die nächsten Tage jeweils versichern, dass wir tatsächlich auf dem richtigen Weg waren. Die Karten waren hier zwar schlechter als in Frankreich, doch war ich dort nicht ein einziges Mal auf einen Wegweiser des Kolumbanweges gestossen. Ab Chiavenna nahmen wir dann den Zug nach Verceia, da der Weg durch die Ebene entlang der Maira ziemlich langweilig ist. In Campo gelang mir dann aus dem Zugfenster sogar noch ein Foto vom Dorfkirchturm: die einzige Kolumbanskirche in all diesen Tagen. Doch gemäss Website ist sie in schlechtem Zustand und eh geschlossen. Also keinen Abstecher wert. Es zahlte sich aus, denn das Hotel Sagliari, das einzige im Dorf, bot einen tollen Service und liess den nächsten Regenmorgen gemütlich im Trockenen vorüberziehen, bis wir die kurze Etappe nach Colico antraten. Abkürzungen suchen zahlt sich nicht immer aus. Hier verliefen wir uns gewaltig in einem kleinen Wäldchen kurz vor dem Ziel. Man sollte es nicht glauben, aber die Hundert Meter bis zum nächsten Weg kosteten uns eine gute Stunde in Wald und Dreck und auf Privatgrund eines Weinbauern. Doch dann kamen wir im Tourismusgebiet des Comersees an. Zum Glück sind die Gelaterias im Mai schon offen, aber die Touristenströme noch gering. Für die nächsten drei Tage hält sich der Kolumbansweg an einen alten Kulturweg, den Sentiero del Viandante. Schon die Römer benutzten ihn und Napoleon hat ihn für seine Heere wieder ausbauen lassen. Über weite Strecken ist er aufwändig gepflastert und aufs Beste unterhalten. Oberhalb von Dorio verbringen wir unsere Mittagsrast am wohl schönsten Ort all dieser Tage. Die Kapelle San Rocco steht zwischen lichten, alten Kiefern und eröffnet einen Weitblick über den ganzen Comersee.
Blick von San Rocco auf Dorio und den Comersee Weniger genüsslich war dann das Hotel Locanda del Viandante gleich beim Bahnhof von Bellano. Die Karaokeparty endete erst auf meine Intervention. Vorher war im ringhörigen Haus nicht an Schlaf zu denken. Der Weg wird nun wieder gebirgig wie zuhause. Unbedingt die obere Variante über die Bocchetta Ortanella nehmen! Auf einem gut beschatteten Berggrat steigt der Weg konstant 800 Höhenmeter an und bietet immer mal wieder betörende Tiefblicke. San Pietro auf der Passhöhe ist eine Kapelle romanischen Ursprungs und steht an einem Ort mit herrlicher Weitsicht.
romanische Apsis von San Pietro bei Ortanella Die Pension Cà de Bachitt mit Restaurant gleich daneben versöhnt uns dann wieder mit dem letzten Übernachtungsort und wird zum Höhepunkt der Pensionen dieser Wochen. Sehr schöne neu gestaltete Zimmer zu günstigem Preis. Und mit wenigen Schritten sind wir am Strand und geniessen einen Affogato. Der letzte Tag wird noch einmal zur mentalen Herausforderung. Da wir am späteren Nachmittag noch nach Hause fahren wollen, müssen wir die Zeit gut im Griff haben und überlegen, nur bis Abbadia Lariana zu gehen, wie schon lange als Fernziel auf den Wegweisern angegeben. Da wir früh unterwegs und fit sind, entscheiden wir uns weiterzugehen, in der Meinung, die 6 km seien auf einem neuen Weg direkt am See entlang geführt, obwohl auf der Karte nur der Bergweg ersichtlich ist. Und es kommt anders als ich es mir vorstellte. Wie schon oft in den letzten sechs Monaten des Übergangs. Der Weg wird sogar zur richtigen Herausforderung, da er stellenweise über frisch abgerutschte Rüfenen führt. Einmal stürze ich sogar und schlage mir den Unterschenkel auf. In meinem Kopf spule ich das Motto ab: «Nimm deinen Weg an, so wie er dir gegeben ist.» Und wir kommen wohl behütet in Lecco an. Es reicht sogar noch in einem Strandcafé für einen Affogato. Und die Eisenbahn bringt uns über Monza – Lugano bequem zurück in die Schweiz. Dankbarkeit erfüllt mich, dass ich mir diese Zeit gönnen konnte. Und Dankbarkeit für die Weggemeinschaft und die vielen Begegnungen. Alles Gelingen in deine Fülle.
Der letzte Wegweiser bei Abbadia Lariana
Bruno Fluder, 03.06.2025 |
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